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Wir,
die PTT

Post, Telefon, Telegraf:

Mit der Auflösung der Bundesbetriebe PTT und ihrer Überführung in Swisscom und die Post ging 1997 ein Stück Schweizer Geschichte zu Ende. Die damals grösste Arbeitgeberin des Landes erbrachte Service Public in den Bereichen Post, Telekommunikation, Geldverkehr und Personentransport. Ehemalige Mitarbeitende erzählen, wie sie den Arbeitsalltag und den Wandel im Kommunikationsbereich seit den 1960er Jahren erlebt haben. Die Seite wird kontinuierlich wachsen.

Das rollende Postbüro: Die Bahnpost

Seit dem 19. und noch bis ins 21. Jahrhundert werden Briefe und Pakete unterwegs in speziellen Bahnpostwagen sortiert, damit sie bereits am Folgetag zugestellt werden können. Vor der Einführung der Postleitzahlen verlangt diese Arbeit besonders gute Kenntnisse der Geografie und des PTT-Transportsystems. Deshalb gilt der Bahnpostdienst lange Zeit als wichtiger Karriereschritt in einer Post-Laufbahn.


Ab 1857 werden auf Eisenbahnstrecken Bahnpostwagen an die Personenzüge angehängt. Im Jahr 1966 besitzt die PTT etwa 550 dieser rollenden Postbüros, in denen an Werktagen über 600 Postbeamte die Postsendungen verarbeiten und mit anderen Wagen austauschen.


Um zum Bahnpostdienst zugelassen zu werden, muss man zuerst eine Prüfung bestehen. Die Bahnpost gilt aufgrund ihrer komplexen Abläufe und hohen Anforderungen als Kaderschmiede. Wer ,gefahren‘ ist, verfügt über die notwendigen Kenntnisse, Erfahrungen und nicht zuletzt die Kontakte, um eine höhere Stelle in der Verwaltung antreten zu können: bei einer der 11 Kreispostdirektionen (den regionalen Verwaltungseinheiten) oder bei der Generaldirektion in Bern (der obersten Einheit für die gesamte Schweiz).


Die Bahnpost, nebst anderen Berufsfeldern, bleibt lange Zeit ebenso eine Männerdomäne wie Kaderpositionen und weitere Berufe. Ab 1972 können auch Frauen eine Kaderlaufbahn einschlagen. Die ersten Frauen bei der Bahnpost nehmen 1974 ihre Arbeit auf.

Die erste Frau bei der Bahnpost 1974

Seit den 1960er Jahren wird die Bahnpost mehrfach reorganisiert. Dafür gibt es mehrere Gründe: In den 1960ern kämpft die PTT mit Personalmangel und steigenden Kosten. Die starke Zunahme im Paketverkehr führt zu Platzmangel in den Bahnpostwagen. Zudem führt das neue Konzept mit den 1964 eingeführten Postleitzahlen und der maschinellen Verarbeitung zu einer zunehmenden Vorsortierung in Brief- und Paketzentren.

Auch auf Veränderungen im Personenzugbereich der SBB muss die PTT reagieren. Die Züge halten an den Bahnhöfen immer kürzer, insbesondere durch die Einführung des SBB-Taktfahrplans im Jahr 1982. Deshalb werden eigenständige Güterzüge eingesetzt, um die Bahnpost vom Personenverkehr loszulösen. Die regionalen Bahnpostkurse werden nach und nach durch Strassentransporte ersetzt. Im Jahr 2004 wird die Bahnpost eingestellt.

Auch im Jahr 2015 spielt die Bahn auf längeren Strecken zwischen den Brief- und Paketzentren eine entscheidende Rolle. Sie transportiert jedoch nur noch Containerwagen, in denen keine Unterwegs-Sortierung mehr stattfindet.

Briefsortierung in einem Bahnpostwagen

Ca. 1983

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«Man musste Bahnpost gefahren sein, um im Kader der Post ein gewisses Ansehen zu haben.»

Hanna Weiersmüller

Im Dienste der Abonnenten: Die Kurznummern der PTT

Dienstnummern sind kurze zwei- oder dreistellige Telefonnummern, auch Kurznummern genannt. Sie tauchen 1925 erstmals in den Telefonbüchern der Schweiz auf. Über die Nummer 10 kann man nun Telegramme aufgeben und die Nummer 15 gibt Auskünfte über Gesprächstaxen und –kosten. Doch weshalb braucht es diese Dienstnummern?


Solange die Telefonverbindungen von Hand in einer Zentrale vermittelt werden, erfragt man Informationen und Auskünfte direkt bei der Telefonvermittlung. Zwischen 1921 und 1959 wird das schweizerische Telefonnetz automatisiert. Dieser Prozess macht es notwendig, für den direkten Kontakt zu den Telefonistinnen besondere Kurznummern zu schaffen. Besonders wichtig wird bei Auskünften oder Hilfeleistungen die Nummer 11 (später 111), der Auskunftsdienst. Über die Nummer 12, den Störungsdienst, können technische Probleme mit dem Telefonanschluss oder bei Telefonverbindungen gemeldet werden. Das Fernamt, die Nummer 14, stellt Verbindungen ausserhalb der automatisierten Telefonnetze her; dies betrifft insbesondere die internationalen Gespräche.


Werbung für die ersten Dienstnummern

Um die Abonnentinnen und Abonnenten auf die neuen Dienstleistungen aufmerksam zu machen, werden regelmässig Werbebroschüren gedruckt. Diese Broschüre aus dem Jahre 1963 ist ein gutes Beispiel für die Bildsprache der PTT, die sich Stereotypen (Telegramme: der Geschäftsmann, Auskunft: die allwissende Telefonistin; Ferngespräche: der südländische Typ) bedient, um ihre Werbung zu untermauern.

Die Kurznummern stehen auch Dritten zur Verfügung. Ab 1928 kann man in Lausanne zum Beispiel mit der Nummer 18 direkt die Feuerwehr rufen. Bis Mitte der 1940er Jahre sind alle zweistelligen Nummern vergeben. Um die Auskunftsdienste zu entlasten, wird eine Mechanisierung von gleichbleibenden und sich wiederholenden Informationen notwendig. Dafür benötigt man aber mehr Dienstnummern: Die zweistelligen Dienstnummern werden deshalb nach und nach durch dreistellige Kurznummern ersetzt. Neu entstehen zum Beispiel ab 1950 die Wetterprognose (162), die telefonischen Nachrichtendienste (167) oder der Strassenzustandsbericht (163). Sehr beliebt ist auch der Weckdienst, durch den sich jede Abonnentin, jeder Abonnent bis 1959 durch die Telefonistin persönlich rund um die Uhr im Zehnminutentakt wecken lassen kann. Um der stets wachsenden Nachfrage nachzukommen, setzt die PTT ab den 1960er Jahren auch die sprechende Uhr für den Weckdienst ein. Ab 1969 wird eine vollautomatische Weckinstallation eingeführt.

1975 vereinheitlicht die PTT die Dienstnummern auf drei Stellen und führt eine gesetzliche Regelung ein: Der angebotene Dienst muss nun einem allgemeinen öffentlichen Interesse entsprechen und rund um die Uhr gewährleistet sein.

'Portrait der perfekten Telefonistin' 1965

Bis in die 1990er Jahre war der Lehrgang der Telefonistin nur für Frauen vorgesehen. Diverse Werbebroschüren versuchen, die Vorzüge dieses Berufs anzupreisen.

Die Swisscom bietet immer noch Dienstnummern an, die zu jeder Zeit über das Wetter, Sportresultate und Vieles mehr informieren. Durch die Einführung des World Wide Web in den 1990er und den Smartphones in den 2000er Jahren haben jedoch Internetforen sowie Mobile Apps die Funktion vieler Kurznummern übernommen.

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«Guten Morgen, hier ist der Weckdienst. Zeit, um aufzustehen.»

Astrid Leupi

Richtfunk – Ein zuverlässiges Netz für Fernsehen und Telefon

Beim Richtfunk wird ein Signal von Punkt zu Punkt übermittelt. Diese Technik dient seit 1948 der Entlastung der Telefonkabel und ab den 1950er Jahren der Übermittlung der Fernsehsignale von den Studios zu den Sendetürmen. Wie sieht die Arbeit im Hintergrund aus, die diese Kommunikation überhaupt ermöglicht?


In der Schweiz wird das Fernsehen 1953 im Versuchsbetrieb aufgenommen und 1958 definitiv eingeführt. Für die Verbreitung des neuen Mediums müssen Sendetürme gebaut werden. Zudem braucht es ein neues Netz, das die Signale von den Fernsehstudios zu diesen Sendern leitet. Kabel sind zu diesem Zeitpunkt noch nicht dafür geeignet und so übernimmt der Richtfunk diese Aufgabe. Im Gegensatz zum rundherum ausgestrahlten Rundfunk dient der Richtfunk der Übermittlung von Signalen auf geraden Strecken. Dabei kommen Parabolantennen zum Einsatz, die umgangssprachlich oft als ‚Schüsseln‘ bezeichnet werden.

Ab den 1960er Jahren baut die PTT das Netz kontinuierlich aus, um auch abgelegene Regionen zu erreichen. Die Schweiz ist ein internationaler Knotenpunkt: Im 1966 eröffneten Richtfunkzentrum Albis-Felsenegg (ZH) kreuzen sich die Nord-Süd- und die West-Ost-Linie des europäischen Fernsehnetzes. Bereits 1954 hatte die PTT Richtstrahlverbindungen mit Deutschland und Italien aufgebaut, um die neu ins Leben gerufene Eurovision übertragen zu können. Der Bau der Verbindung nach Italien über das Jungfraujoch ist eine Pionierleistung, denn Satellitenfernsehen gibt es zu dieser Zeit noch nicht.

In den wichtigsten Richtfunk-Stationen ist ein Team aus Fernmeldeassistentinnen und Technikern ständig darum besorgt, die Schaltungen herzustellen und die Übertragungen zu überwachen. Weiteres Personal stellt mit mobilen Zwischenstationen Verbindungen für besondere Anlässe und Live-Reportagen her. Ausserdem wird die Technik weiterentwickelt, um mehr Programme und Telefongespräche oder neue Dienste wie den Teletext übertragen zu können.

Im Telefonnetz dient der Richtfunk vor allem der Übertragungssicherheit, als Rückgrat für das Kupferdraht-Netz. Mit dem Einzug der Glasfaserkabel seit den 1980er Jahren verliert der Richtfunk in den 1990er Jahren an Bedeutung. Er ist jedoch in verschiedenen Bereichen auch im Jahr 2015 noch wichtig, etwa für die Mobil- und Festnetztelefonie in Bergregionen oder als zuverlässige Funkverbindung in Notfällen.

Kontrollraum der Station Albis Felsenegg

Die Station diente als nationales, technisches Koordinationszentrum des Fernsehens sowie als Schaltzentrum Süd der Eurovision. 1966

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«Unsere Aufgabe war es, den Fehler zu beheben, bevor er auftrat.»

Max Bürli

Vorschriften – bei der PTT ist alles genau geregelt

Die PTT-Vorschriften sind Verwaltungsrichtlinien, die eine einheitliche Ausführung aller Arbeiten und Pflichten gewährleisten sollen. Zudem gibt es Vorgaben an die Öffentlichkeit, die im PTT-Amtsblatt publiziert werden.

Der Bundesbetrieb PTT setzt sich aus zwei Bereichen zusammen: dem Postbereich (dafür steht das ‚P‘ im Namen) und dem Telekommunikationsbereich (‚TT‘ für Telefon und Telegraf). Für beide Bereiche gibt es diverse Arten von Vorschriften. Diese werden in deutscher, französischer und italienischer Sprache gedruckt und liegen in den PTT-Büros auf. Die Zahl der Vorschriften wächst mit der zunehmenden Standardisierung der Aufgaben und Arbeitsschritte. Damit einher geht eine klar geregelte hierarchische Verwaltungsstruktur. Ziel aller Vorschriften ist es, sicherzustellen, dass die PTT in der ganzen Schweiz gleich auftritt – von Genf bis St. Gallen, von Basel bis Chiasso. Überall sollen die Arbeitsabläufe mit gleichem Qualitätsanspruch funktionieren.

Die sogenannte Sammlung der Dienstvorschriften besteht aus drei Gruppen: Den A-, B- und C-Vorschriften. Die einzelnen Vorschriften sind mit einer Zahl gekennzeichnet.

In den A, Verkehrsvorschriften ist das Verhältnis der PTT zur Öffentlichkeit geregelt. Die A 1, Postordnung ist das Standardwerk für den Postbetrieb. Darin sind die Bestimmungen des Bundesgesetzes betreffend den Postverkehr zusammengestellt. Dazu gehören Angaben zum Postregal, das regelt, welche Aufgaben die Post zu erfüllen hat. Sie umfasst zudem Vorschriften zur Wahrung des Postgeheimnisses. Im Bereich PTT Telecom ist die A 100, Vorschriften über den Fernmeldedienst massgebend, in der das Fernmeldegesetz festgehalten ist.

Die B, Verwaltungs- und Betriebsvorschriften regeln die Verwaltungsorganisation der PTT und das genaue Vorgehen bei der Arbeit im Betrieb. Die wichtigste Betriebsvorschrift für den Postbereich ist die B 21, Betriebsvorschriften Post. Sie ist die Arbeitsgrundlage eines jeden Pöstlers und in jedem Büro zu finden. Auch im Bereich PTT Telecom gibt es genaue Vorschriften, beispielsweise für die Arbeit der Telefonistinnen oder für den Bau von Telefonleitungen.

In den C, Personalvorschriften sind die Rechte und Pflichten des PTT-Personals festgehalten.

Auch die Stempelung ist geregelt

Vorschriften zur Positionierung des Poststempels bei verschiedenen Anordnungen von Briefmarken. B 21, Betriebsvorschriften Post, 1987.

Neben der oben beschriebenen Sammlung an Vorschriften hat die PTT eine weitere Vorschriftenart: die Dienstlichen Mitteilungen. Diese enthalten jeweils aktuelle Informationen für das Personal. Darunter fallen zum Beispiel Bekanntmachungen zu neuen Dienstkleidern, zu den Ferienhäusern der PTT oder neue Vorgaben von der SUVA- und der Arbeitslosenversicherung.

Schliesslich gibt es auch PTT-Vorschriften, die die Öffentlichkeit direkt angehen. Diese werden im Post- und Telegrafenamtsblatt beziehungsweise dem PTT-Amtsblatt veröffentlicht. Das sind zum Beispiel Änderungen im Bestand der Poststellen, Stellenausschreibungen oder Neuerungen im internationalen Telefonverkehr.

Kalter Krieg um das Verpackungsmaterial

Die PTT erklärt im PTT-Amtsblatt vom März 1965, dass bei Brief- und Paket-Sendungen in die DDR keine Zeitungen als Verpackungsmaterial verwendet werden dürfen. In der DDR würden solche Sendungen – aus Angst vor westlicher Propaganda – ausnahmslos beschlagnahmt.

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«Mit 10:1 wurde ganz klar bestimmt: Die Vorschriften sind einzuhalten!»

Dominic Fleury

Wie viel Staat braucht die Telekommunikation?

Die Liberalisierung der schweizerischen Telekommunikation im Jahr 1998 beinhaltet zwei eng miteinander verwobene Bereiche: Einerseits wird durch die Aufhebung des bisherigen staatlichen Monopols ein Telekommunikationsmarkt im freien Wettbewerb geschaffen. Anderseits führt die Teilprivatisierung des staatlichen Telekommunikationsunternehmens Telecom PTT zur Gründung der Swisscom AG. Diese markanten Schritte fordern auch die Mitarbeitenden heraus.

Spätestens seit Beginn der 1990er Jahre setzt ein politisches Umdenken ein – der Bundesbetrieb PTT, der Telekommunikationsangebote als Monopolist verwaltet, scheint nicht mehr zeitgemäss. Die Ideen des Neoliberalismus finden Eingang in die politische Debatte, wonach unter anderem die Öffnung von Märkten und die Privatisierung von Staatsbetrieben zum wirtschaftlichen Erfolg führen. Darüber hinaus seien marktwirtschaftlich handelnde Unternehmen flexibler und daher technologischen Herausforderungen besser gewachsen. Weiter soll sich die Schweiz durch die angestrebte Liberalisierung dem internationalen, insbesondere dem europäischen freien Telekommunikationsmarkt anpassen. Durch den Wettbewerb verspricht man sich schliesslich auch sinkende Preise. Der schweizerische Telekommunikationsmarkt wird am 1. Januar 1998 mit dem neuen Fernmeldegesetz (FMG) liberalisiert.

Um die Grundversorgung mit Fernmeldediensten trotz Wettbewerbs auch in Randregionen zu gewährleisten, werden bei der Liberalisierung gesetzliche Vorschriften geschaffen. Die Sicherstellung der Grundversorgung wird seit der Marktöffnung von der Swisscom AG übernommen.

Für den Bundesrat wie auch die Mehrheit der eidgenössischen Räte müssen nicht nur Teile der Post- und Telekommunikationsdienste liberalisiert, sondern daraus folgend auch die PTT-Verwaltung neu organisiert werden. Anders als die Post PTT wird die Telecom PTT per 1. Januar 1998 nicht in eine selbständige Anstalt des öffentlichen Rechts umgewandelt. Stattdessen entsteht mit dem Telekommunikationsunternehmungsgesetz (TUG) eine spezialgesetzliche Aktiengesellschaft mit Aktienmehrheit bei der Schweizerischen Eidgenossenschaft, die sogenannte Swisscom AG. Als Aktiengesellschaft mit unternehmerischen Freiheiten soll die Swisscom AG im neuen schweizerischen Telekommunikationsmarkt bestehen und sich im internationalen Wettbewerb behaupten. Ein nur von Teilen der politischen Linken angestossenes Referendum gegen die Liberalisierung kommt nicht zu Stande. Im Oktober 1998 geht der erfolgreiche Börsengang der Swisscom AG über die Bühne. Der Bundesrat und im Besonderen der Verwaltungsrat der Swisscom AG streben in der Folge eine Totalprivatisierung an, welche bisher aber nicht mehrheitsfähig ist.

Die Spitze der Telecom PTT macht sich für den Liberalisierungskurs stark. Sie versucht mittels verschiedener Massnahmen, unter anderem der Kampagne ‚Change Telecom‘, die Mitarbeitenden auf die anstehenden Veränderungen vorzubereiten und für den Liberalisierungsprozess zu gewinnen.

Countdown zum 1.1.1998


Elektronikerlehrlinge der Telecom PTT aus Sion entwickeln für Change Telecom eine Countdown-Uhr. Ab Mitte Dezember 1996 zählt sie an über fünfzig Standorten Tage, Stunden, Minuten und Sekunden bis zur Liberalisierung am 1. Januar 1998 ab.

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«Das Familiäre ist nicht mehr da, das ist der Unterschied zwischen der PTT und Swisscom.»

Barbara Beyeler

Liberalisierung in Gelb

Die Liberalisierung der Post öffnet den Markt für private Mitbewerber. Anders als die Telekommunikation wird der Postsektor ab 1998 schrittweise liberalisiert. Daneben gibt es auch die organisatorische Veränderung von der PTT-Verwaltung zur heutigen Post. Dieser Wandel wirkt sich unmittelbar auch auf die Mitarbeitenden aus.

Mit dem Postgesetz (PG), das am 1. Januar 1998 in Kraft tritt, werden unter anderem Expresssendungen und adressierte Sendungen ab 2 kg liberalisiert. Diese sogenannten Wettbewerbsdienste stehen damit neu auch privaten Anbietern offen. Das verbleibende Monopol (reservierte Dienste), also das Recht der Post, adressierte Briefsendungen und Pakete bis zu einer bestimmten Gewichtsgrenze ohne Konkurrenz zu befördern, wird bis 2009 schrittweise auf 50 g reduziert. Die vom Bundesrat angestrebte vollständige Marktöffnung im Postbereich – die Preisgabe des Briefmonopols bis 50 g – findet 2010 bei der Totalrevision der Postgesetzgebung keine parlamentarische Mehrheit.

Die ausreichende Grundversorgung mit preiswerten Postdiensten in allen Landesgegenden als Teil des Service Public ist in der Bundesverfassung (Art. 92) verankert. Über den konkreten Umfang der Grundversorgung wird in der fortlaufenden politischen und öffentlichen Debatte gestritten. Die Volksinitiative ‚Postdienst für alle', die unter anderem ein landesweites, flächendeckendes Poststellennetz fordert, wird 2004 mit 49,8% Ja-Stimmen knapp verworfen. Der Gesetzgeber sichert die Grundversorgung indem er die Post mit deren Erbringung beauftragt. Die Post finanziert die Grundversorgung mit ihren eigenen Erlösen.

Die früheren PTT-Betriebe werden per 1998 komplett in Post und Telecom/Swisscom aufgeteilt. Da die Liberalisierung des Postsektors weniger weitreichend ist als jene der Telekommunikation, fällt auch die organisatorische ‚Entstaatlichung' weniger ausgeprägt aus. Mit dem Postorganisationsgesetz (POG) wird die Post zunächst als rechtlich selbständige Anstalt gesetzlich verankert. 2013 wird die Post in die Rechtsform einer spezialgesetzlichen Aktiengesellschaft überführt und somit den anderen Infrastrukturbetrieben des Bundes – SBB und Swisscom – organisatorisch gleichgestellt. Gleichzeitig wird PostFinance in eine privatrechtliche Aktiengesellschaft ausgegliedert und der Finanzmarktaufsicht unterstellt.

‚Change Post' nennt die Post PTT ihr 1996 startendes, grossangelegtes Projekt zur Bewältigung der anstehenden Liberalisierung. Mit der internen Kommunikationskampagne ‚Viva la Posta!' werden auch die Mitarbeitenden in den Veränderungsprozess eingebunden. Ziel des Projekts ist auch die Etablierung einer neuen Unternehmenskultur. Das Bundespersonalgesetz ersetzt 2001 das Beamtengesetz und bringt eine Flexibilisierung der Anstellungsverhältnisse – erstmals gibt es keine faktische Arbeitsplatzgarantie mehr. Im gleichen Jahr unterzeichnen die Sozialpartner den ersten Gesamtarbeitsvertrag (GAV) der Post. Mit dem neuen Post- und Postorganisationsgesetz werden die Anstellungsverhältnisse der Post dem Obligationenrecht unterstellt und damit an die privaten Mitbewerber angenähert.

Die Diskussion über die Liberalisierung ist noch nicht abgeschlossen.

VIVA LA POSTA! Extrablatt zur Nationalen Postkonferenz

Ausgabe vom 16. Juni 1996.

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«Wir wurden aus einer wohlbehüteten, mit Mauern umgebenen Lebensweise ins freie Feld entlassen.»

Hanna Weiersmüller

Sprachaufenthalte bei der PTT

Von Beginn an ist das Beherrschen verschiedener Landessprachen für die Mitarbeitenden des Bundesbetriebes PTT sehr wichtig. Die tägliche Praxis des Postdiensts, der Telefonie und Telegrafie erfordert gute Sprachkenntnisse. Aus diesem Grund sind sie Teil der Personalvorschriften und somit Voraussetzung für eine Einstellung.

Die Landessprachen sind für die tägliche Arbeit bei der PTT unumgänglich. Entsprechend ist ein Sprachaufenthalt Bedingung für die Aufnahmeprüfung zu einer Lehre für die folgenden Berufsgruppen:


- Gehilfinnen/Betriebsassistentinnen : Schalterbeamtin, Checkdienst, Telegrafistin, Telefonistin
- Diplomierte Beamte (ab 1972 auch Beamtinnen): Betriebssekretär, Telegrafist, Bürochef
- Uniformierte Beamte (ab 1973 auch Beamtinnen): Briefträger, Postverarbeitung, Bürodienst


Um diese Anforderung zu erfüllen, verbringen viele vor ihrer Lehre einen Aufenthalt in einem anderen Landesteil. In der Deutschschweiz ist das „Welschlandjahr" ein fester Begriff. Manche PTT-Anwärterinnen übernehmen in einer Familie als Au-pair Aufgaben in der Kinderbetreuung und im Haushalt. Der Sprachaufenthalt in seinen verschiedenen Formen dient dazu, die Sprache zu erlernen und zugleich erste Schritte in der Arbeitswelt zu machen.


Während der Lehre fördert die PTT die Auszubildenden durch die Organisation von Sprachkursen und Austauschprogrammen zwischen den Sprachregionen. Und in Lehrlingslagern werden PTT'ler aus allen Sprachregionen bewusst durchmischt.


In der Lehrabschlussprüfung werden Sprachkenntnisse geprüft (mündlich und schriftlich). Nach erfolgreichem Abschluss beginnt für die Person die sogenannte „Aspirantenzeit": Während dieser Phase kann sie an verschiedene PTT-Arbeitsorte in der ganzen Schweiz versetzt werden, um Praxiserfahrung zu sammeln und die Sprachkompetenzen zu verbessern. Der Aufenthalt dauert zwischen 8 und 15 Monate. Für diplomierte Beamtinnen und Beamte ist ein Sprachaufenthalt Pflicht. Ausgenommen sind verheiratete Mitarbeitende und jene, die aus einer zweisprachigen Region kommen. Neben den diplomierten Beamten wird vielen weiteren PTT-Berufsgruppen ein solcher Aufenthalt sehr empfohlen.

Berufswortschatz für die Teleoperatrice, Italienisch, 1989

Die Tätigkeit als Telefonistin erfordert spezifische Sprachkenntnisse.

Die sprachliche Weiterbildung wird nach der Ausbildungszeit oft fortgesetzt. Die Kosten für Sprachkurse in der Schweiz, Aufenthalte im Ausland oder einen mehrmonatigen Austausch zwischen den Sprachregionen werden zum Teil von der PTT übernommen.


In den 1960er Jahren wird der sprachlichen Weiterbildung wegen starkem Personalmangel keine Priorität gegeben. Vorrang haben stattdessen Versetzungen an Orte mit grosser Personalknappheit, insbesondere Städte und grosse Dienststellen. Dank einer Verbesserung der Personalsituation gewinnen ab Mitte der 1970er Jahre Sprachaufenthalte wieder an Bedeutung. Neben den Landessprachen wird ab den 1990er Jahren zunehmend Englisch wichtig.


Der nationale Zusammenhalt und der Austausch zwischen den Sprachregionen haben einen hohen Stellenwert in der Betriebskultur der PTT. Es ist kein Zufall, dass das PTT-Ausbildungszentrum in der zweisprachigen Gemeinde Macolin/Magglingen (BE) steht. Diese liegt auf dem „Röstigraben", dem Symbol für kulturelle und sprachliche Unterschiede zwischen den Regionen in der Schweiz.

Broschüre mit Hinweisen für Sprachaufenthalte, 1992

Die Sprachaufenthalte werden bis zur Auslösung der PTT 1997 stark gefördert.

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«Nach 6 Monaten hatte ich nicht wirklich Schweizerdeutsch gelernt.»

Evelyne Ferber-Denegri